Die Bibel Martin Luther 1545

Das Buch Hiob (Author Hiob and/or Mose)

11:1Da antwortete Zophar von Naema und sprach:

11:2Wenn einer lange geredet, muß er nicht auch hören? Muß denn ein Wäscher immer recht haben?

11:3Müssen die Leute deinem großen Schwätzen Schweigen, daß du spottest, und niemand dich beschäme?

11:4Du sprichst: Meine Rede ist rein, und lauter bin ich vor deinen Augen.

11:5Ach, daß GOtt mit dir redete und täte seine Lippen auf

11:6und zeigete die heimliche Weisheit! Denn er hätte wohl noch mehr an dir zu tun, auf daß du wissest, daß er deiner Sünden nicht aller gedenkt.

11:7Meinest du, daß du so viel wissest, als GOtt weiß, und wollest alles so vollkommen treffen als der Allmächtige?

11:8Er ist höher denn der Himmel; was willst du tun? tiefer denn die Hölle; was kannst du wissen?

11:9Länger denn die Erde und breiter denn das Meer.

11:10So er sie umkehrete oder verbürge oder in einen Haufen würfe, wer will's ihm wehren?

11:11Denn er kennet die losen Leute, er siehet die Untugend, und sollte es nicht merken?

11:12Ein unnützer Mann blähet sich; und ein geborener Mensch will sein wie ein junges Wild.

11:13Wenn du dein Herz hättest gerichtet und deine Hände zu ihm ausgebreitet;

11:14wenn du die Untugend, die in deiner Hand ist, hättest ferne von dir getan, daß in deiner Hütte kein Unrecht bliebe,

11:15so möchtest du dein Antlitz aufheben ohne Tadel und würdest fest sein und dich nicht fürchten.

11:16Dann würdest du der Mühe vergessen und so wenig gedenken als des Wassers, das vorübergehet.

11:17Und die Zeit deines Lebens würde aufgehen wie der Mittag, und das Finstere würde ein lichter Morgen werden.

11:18Und dürftest dich des trösten, daß Hoffnung da sei; du würdest mit Ruhe ins Grab kommen.

11:19Und würdest dich legen, und niemand würde dich aufschrecken; und viele würden vor dir flehen.

11:20Aber die Augen der Gottlosen werden verschmachten, und werden nicht entrinnen mögen; denn ihre Hoffnung wird ihrer Seele fehlen.

12:1Da antwortete Hiob und sprach:

12:2Ja, ihr seid die Leute; mit euch wird die Weisheit sterben!

12:3Ich habe so wohl ein Herz als ihr und bin nicht geringer denn ihr; und wer ist, der solches nicht wisse?

12:4Wer von seinem Nächsten verlachet wird, der wird GOtt anrufen, der wird ihn erhören. Der Gerechte und Fromme muß verlachet sein

12:5und ist ein verachtet Lichtlein vor den Gedanken der Stolzen, stehet aber, daß sie sich dran ärgern.

12:6Der Verstörer Hütten haben die Fülle und toben wider GOtt türstiglich, wiewohl es ihnen GOtt in ihre Hände gegeben hat.

12:7Frage doch das Vieh, das wird dich's lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die werden dir's sagen.

12:8Oder rede mit der Erde, die wird dich's lehren, und die Fische im Meer werden dir's erzählen.

12:9Wer weiß solches alles nicht, daß des HErrn Hand das gemacht hat,

12:10daß in seiner Hand ist die Seele alles des, das da lebet, und der Geist alles Fleisches eines jeglichen?

12:11Prüfet nicht das Ohr die Rede; und der Mund schmecket die Speise?

12:12Ja, bei den Großvätern ist die Weisheit und der Verstand bei den Alten.

12:13Bei ihm ist Weisheit und Gewalt, Rat und Verstand.

12:14Siehe, wenn er zerbricht, so hilft kein Bauen; wenn er jemand verschleußt, kann niemand aufmachen.

12:15Siehe, wenn er das Wasser verschleußt, so wird's alles dürre; und wenn s ausläßt, so kehret es das Land um.

12:16Er ist stark und führet es aus. Sein ist, der da irret, und der da verführet.

12:17Er führet die Klugen wie einen Raub und machet die Richter toll.

12:18Er löset auf der Könige Zwang und gürtet mit einem Gürtel ihre Lenden.

12:19Er führet die Priester wie einen Raub und lässet es fehlen den Festen.

12:20Er wendet weg die Lippen der Wahrhaftigen und nimmt weg die Sitten der Alten.

12:21Er schüttet Verachtung auf die Fürsten und macht den Bund der Gewaltigen los.

12:22Er öffnet die finstern Gründe und bringet heraus das Dunkel an das Licht.

12:23Er macht etliche zum großen Volk und bringet sie wieder um. Er breitet ein Volk aus und treibet es wieder weg.

12:24Er nimmt weg den Mut der Obersten des Volks im Lande und macht sie irre auf einem Umwege, da kein Weg ist,

12:25daß sie in der Finsternis tappen ohne Licht; und macht sie irre wie die Trunkenen.

13:1Siehe, das hat alles mein Auge gesehen und mein Ohr gehöret, und habe es verstanden.

13:2Was ihr wisset, das weiß ich auch, und bin nicht geringer denn ihr.

13:3Doch wollte ich gerne wider den Allmächtigen reden und wollte gerne mit GOtt rechten.

13:4Denn ihr deutet es fälschlich und seid alle unnütze Ärzte.

13:5Wollte GOtt, ihr schwieget; so würdet ihr weise.

13:6Höret doch meine Strafe und merket auf die Sache, davon ich rede.

13:7Wollt ihr GOtt verteidigen mit Unrecht und für ihn List brauchen?

13:8Wollt ihr seine Person ansehen? Wollt ihr GOtt vertreten?

13:9Wird's euch auch wohlgehen, wenn er euch richten wird? Meinet ihr, daß ihr ihn täuschen werdet, wie man einen Menschen täuschet?

13:10Er wird euch strafen, wo ihr Person ansehet heimlich.

13:11Wird er euch nicht erschrecken, wenn er sich wird hervortun, und seine Furcht wird über euch fallen?

13:12Euer Gedächtnis wird verglichen werden der Asche, und euer Rücken wird wie ein Leimenhaufe sein.

13:13Schweiget mir, daß ich rede; es soll mir nichts fehlen.

13:14Was soll ich mein Fleisch mit meinen Zähnen beißen und meine Seele in meine Hände legen?

13:15Siehe, er wird mich doch erwürgen, und ich kann's nicht erwarten; doch will ich meine Wege vor ihm strafen.

13:16Er wird ja mein Heil sein; denn es kommt kein Heuchler vor ihn.

13:17Höret meine Rede und meine Auslegung vor euren Ohren!

13:18Siehe, ich habe das Urteil schon gefället; ich weiß, daß ich werde gerecht sein.

13:19Wer ist, der mit mir rechten will? Aber nun muß ich schweigen und verderben.

13:20Zweierlei tu mir nur nicht, so will ich mich vor dir nicht verbergen:

13:21Laß deine Hand ferne von mir sein, und dein Schrecken erschrecke mich nicht.

13:22Rufe mir, ich will dir antworten; oder ich will reden, antworte du mir.

13:23Wie viel ist meiner Missetat und Sünden? Laß mich wissen meine Übertretung und Sünde!

13:24Warum verbirgest du dein Antlitz und hältst mich für deinen Feind?

13:25Willst du wider ein fliegend Blatt so ernst sein und einen dürren Halm verfolgen?

13:26Denn du schreibest mir an Betrübnis und willst mich umbringen um der Sünden willen meiner Jugend.

13:27Du hast meinen Fuß in Stock gelegt und hast acht auf alle meine Pfade und siehest auf die Fußtapfen meiner Füße,

13:28der ich doch wie ein faul Aas vergehe und wie ein Kleid, das die Motten fressen.



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