Die Bibel Martin Luther 1545

Das Buch Hiob (Author Hiob and/or Mose)

28:1Es hat das Silber seine Gänge und das Gold seinen Ort, da man es schmelzt.

28:2Eisen bringet man aus der Erde, und aus den Steinen schmelzt man Erz.

28:3Es wird je des Finstern etwa ein Ende, und jemand findet ja zuletzt den Schiefer tief verborgen.

28:4Es bricht ein solcher Bach hervor, daß, die darum wohnen, den Weg daselbst verlieren; und fällt wieder und schießt dahin von den Leuten.

28:5Man bringet auch Feuer unten aus der Erde, da doch oben Speise auf wächst.

28:6Man findet Saphir an etlichen Orten und Erdenklöße, da Gold ist.

28:7Den Steig kein Vogel erkannt hat und kein Geiersauge gesehen.

28:8Es haben die stolzen Kinder nicht drauf getreten, und ist kein Löwe drauf gegangen.

28:9Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbet die Berge um.

28:10Man reißet Bäche aus den Felsen; und alles, was köstlich ist, siehet das Auge.

28:11Man wehret dem Strom des Wassers und bringet, das verborgen drinnen ist, ans Licht.

28:12Wo will man aber Weisheit finden, und wo ist die Stätte des Verstandes?

28:13Niemand weiß, wo sie liegt, und wird nicht funden im Lande der Lebendigen.

28:14Der Abgrund spricht: Sie ist in mir nicht; und das Meer spricht: Sie ist nicht bei mir.

28:15Man kann nicht Gold um sie geben, noch Silber darwägen, sie zu bezahlen.

28:16Es gilt ihr nicht gleich ophirisch Gold oder köstlicher Onyx und Saphir.

28:17Gold und Demant mag ihr nicht gleichen, noch um sie gülden Kleinod wechseln.

28:18Ramoth und Gabis achtet man nicht. Die Weisheit ist höher zu wägen denn Perlen.

28:19Topasius aus Mohrenland wird ihr nicht gleich geschätzt, und das reinste Gold gilt ihr nicht gleich.

28:20Woher kommt denn die Weisheit, und wo ist die Stätte des Verstandes?

28:21Sie ist verhohlen vor den Augen aller Lebendigen, auch verborgen den Vögeln unter dem Himmel.

28:22Die Verdammnis und der Tod sprechen: Wir haben mit unsern Ohren ihr Gerücht gehöret.

28:23GOtt weiß den Weg dazu und kennet ihre Stätte.

28:24Denn er siehet die Enden der Erde und schauet alles, was unter dem Himmel ist.

28:25Da er dem Winde sein Gewicht machte und setzte dem Wasser sein gewisses Maß,

28:26da er dem Regen ein Ziel machte und dem Blitz und Donner den Weg,

28:27da sah er sie und erzählete sie, bereitete sie und erfand sie;

28:28und sprach zum Menschen: Siehe, die Furcht des HErrn, das ist Weisheit, und meiden das Böse, das ist Verstand.

29:1Und Hiob hub abermal an seine Sprüche und sprach:

29:2O daß ich wäre wie in den vorigen Monden, in den Tagen, da mich GOtt behütete,

29:3da seine Leuchte über meinem Haupte schien, und ich bei seinem Licht in der Finsternis ging;

29:4wie ich war zur Zeit meiner Jugend, da GOttes Geheimnis über meiner Hütte war;

29:5da der Allmächtige noch mit mir war und meine Kinder um mich her;

29:6da ich meine Tritte wusch in Butter, und die Felsen mir Ölbäche gossen;

29:7da ich ausging zum Tor in der Stadt und ließ meinen Stuhl auf der Gasse bereiten;

29:8da mich die Jungen sahen und sich versteckten, und die Alten vor mir aufstunden;

29:9da die Obersten aufhöreten zu reden, und legten ihre Hand auf ihren Mund;

29:10da die Stimme der Fürsten sich verkroch, und ihre Zunge an ihrem Gaumen klebte.

29:11Denn welches Ohr mich hörete, der preisete mich selig, und welches Auge mich sah, der rühmte mich.

29:12Denn ich errettete den Armen, der da schrie, und den Waisen, der keinen Helfer hatte.

29:13Der Segen des, der verderben sollte, kam über mich; und ich erfreuete das Herz der Witwe.

29:14Gerechtigkeit war mein Kleid, das ich anzog wie einen Rock; und mein Recht war mein fürstlicher Hut.

29:15Ich war des Blinden Auge und des Lahmen Füße.

29:16Ich war ein Vater der Armen; und welche Sache ich nicht wußte, die erforschete ich.

29:17Ich zerbrach die Backenzähne des Ungerechten und riß den Raub aus seinen Zähnen.

29:18Ich gedachte: Ich will in meinem Nest ersterben und meiner Tage viel machen wie Sand.

29:19Meine Saat ging auf am Wasser; und der Tau blieb über meiner Ernte.

29:20Meine Herrlichkeit erneuerte sich immer an mir; und mein Bogen besserte sich in meiner Hand.

29:21Man hörete mir zu, und schwiegen und warteten auf meinen Rat.

29:22Nach meinen Worten redete niemand mehr; und meine Rede troff auf sie.

29:23Sie warteten auf mich wie auf den Regen und sperreten ihren Mund auf als nach dem Abendregen.

29:24Wenn ich sie anlachte, wurden sie nicht zu kühn darauf, und das Licht meines Angesichts machte mich nicht geringer.

29:25Wenn ich zu ihrem Geschäfte wollte kommen, so mußte ich obenan sitzen und wohnete wie ein König unter Kriegsknechten, da ich tröstete, die Leid trugen.

30:1Nun aber lachen mein, die jünger sind denn ich, welcher Väter ich verachtet hätte, zu stellen unter meine Schafhunde,

30:2welcher Vermögen ich für nichts hielt, die nicht zum Alter kommen konnten,

30:3die vor Hunger und Kummer einsam flohen in die Einöde, neulich verdorben und elend worden,

30:4die da Nesseln ausrauften um die Büsche, und Wacholderwurzel war ihre Speise;

30:5und wenn sie die herausrissen, jauchzeten sie drüber wie ein Dieb.

30:6An den grausamen Bächen wohneten sie, in den Löchern der Erde und Steinritzen.

30:7Zwischen den Büschen riefen sie und unter den Disteln sammelten sie,

30:8die Kinder loser und verachteter Leute, die die Geringsten im Lande waren.

30:9Nun bin ich ihr Saitenspiel worden und muß ihr Märlein sein.

30:10Sie haben einen Greuel an mir und machen sich ferne von mir und schonen nicht, vor meinem Angesicht zu speien.

30:11Sie haben mein Seil ausgespannet und mich zunichte gemacht und das Meine abgezäumet.

30:12Zur Rechten, da ich grünete, haben sie sich wieder mich gesetzt und haben meinen Fuß ausgestoßen; und haben über mich einen Weg gemacht, mich zu verderben.

30:13Sie haben meine Steige zerbrochen; es war ihnen so leicht, mich zu beschädigen, daß sie keiner Hilfe dazu bedurften.

30:14Sie sind kommen, wie zur weiten Lücke herein, und sind ohne Ordnung dahergefallen.

30:15Schrecken hat sich gegen mich gekehret und hat verfolget wie der Wind meine Herrlichkeit und wie eine laufende Wolke meinen glückseligen Stand.

30:16Nun aber gießt sich aus meine Seele über mich, und mich hat ergriffen die elende Zeit.

30:17Des Nachts wird mein Gebein durchbohret allenthalben, und die mich jagen, legen sich nicht schlafen.

30:18Durch die Menge der Kraft werde ich anders und anders gekleidet; und man gürtet mich damit wie mit dem Loch meines Rocks.

30:19Man hat mich in Kot getreten und gleich geachtet dem Staub und Asche.

30:20Schreie ich zu dir, so antwortest du mir nicht; trete ich hervor, so achtest du nicht auf mich.

30:21Du bist mir verwandelt in einen Grausamen und zeigest deinen Gram an mir mit der Stärke deiner Hand.

30:22Du hebest mich auf und lässest mich auf dem Winde fahren und zerschmelzest mich kräftiglich.

30:23Denn ich weiß, du wirst mich dem Tode überantworten; da ist das bestimmte Haus aller Lebendigen.

30:24Doch wird er nicht die Hand ausstrecken ins Beinhaus, und werden nicht schreien vor seinem Verderben.

30:25Ich weinete ja in der harten Zeit, und meine Seele jammerte der Armen.

30:26Ich wartete des Guten, und kommt das Böse; ich hoffte aufs Licht, und kommt Finsternis.

30:27Meine Eingeweide sieden und hören nicht auf; mich hat überfallen die elende Zeit.

30:28Ich gehe schwarz einher, und brennet mich doch keine Sonne nicht; ich stehe auf in der Gemeine und schreie.

30:29Ich bin ein Bruder der Schlangen und ein Geselle der Straußen.

30:30Meine Haut über mir ist schwarz worden, und meine Gebeine sind verdorret vor Hitze.

30:31Meine Harfe ist eine Klage worden und meine Pfeife ein Weinen.

31:1Ich habe einen Bund gemacht mit meinen Augen, daß ich nicht achtete auf eine Jungfrau.

31:2Was gibt mir aber GOtt zu Lohn von oben? und was für ein Erbe der Allmächtige von der Höhe?

31:3Sollte nicht billiger der Ungerechte solch Unglück haben, und ein Übeltäter so verstoßen werden?

31:4Siehet er nicht meine Wege und zählet alle meine Gänge?

31:5Hab ich gewandelt in Eitelkeit? oder hat mein Fuß geeilet zum Betrug?

31:6So wäge man mich auf rechter Waage, so wird GOtt erfahren meine Frömmigkeit.

31:7Hat mein Gang gewichen aus dem Wege und mein Herz meinen Augen nachgefolget, und ist etwas in meinen Händen beklebet,

31:8so müsse ich säen, und ein anderer fresse es, und mein Geschlecht müsse ausgewurzelt werden.

31:9Hat sich mein Herz lassen reizen zum Weibe, und habe an meines Nächsten Tür gelauert,

31:10so müsse mein Weib von einem andern geschändet werden, und andere müssen sie beschlafen.

31:11Denn das ist ein Laster und eine Missetat für die Richter.

31:12Denn das wäre ein Feuer, das bis ins Verderben verzehrete und all mein Einkommen auswurzelte.

31:13Hab ich verachtet das Recht meines Knechts oder meiner Magd, wenn sie eine Sache wider mich hatten,

31:14was wollte ich tun, wenn GOtt sich aufmachte, und was würde ich antworten, wenn er heimsuchte?

31:15Hat ihn nicht auch der gemacht, der mich in Mutterleibe machte, und hat ihn im Leibe ebensowohl bereitet?

31:16Hab ich den Dürftigen ihre Begierde versagt und die Augen der Witwen lassen verschmachten?

31:17Hab ich meinen Bissen allein gegessen, und nicht der Waise auch davon gegessen?

31:18Denn ich habe mich von Jugend auf gehalten wie ein Vater; und von meiner Mutter Leibe an hab ich gerne getröstet.

31:19Hab ich jemand sehen umkommen, daß er kein Kleid hatte, und den Armen ohne Decke gehen lassen?

31:20Haben mich nicht gesegnet seine Seiten, da er von den Fellen meiner Lämmer erwärmet ward?

31:21Hab ich meine Hand an den Waisen gelegt, weil ich mich sah im Tor Macht zu helfen haben,

31:22so falle meine Schulter von der Achsel, und mein Arm breche von der Röhre.

31:23Denn ich fürchte GOtt, wie einen Unfall über mich, und könnte seine Last nicht ertragen.

31:24Hab ich das Gold zu meiner Zuversicht gestellet und zu dem Goldklumpen gesagt: Mein Trost?

31:25Hab ich mich gefreuet, daß ich groß Gut hatte und meine Hand allerlei erworben hatte?

31:26Hab ich das Licht angesehen, wenn es helle leuchtete, und den Mond, wenn er voll ging?

31:27Hat sich mein Herz heimlich bereden lassen, daß meine Hand meinen Mund küsse?

31:28Welches ist auch eine Missetat für die Richter; denn damit hätte ich verleugnet GOtt von oben.

31:29Hab ich mich gefreuet, wenn's meinem Feinde übel ging, und habe mich erhoben, daß ihn Unglück betreten hatte?

31:30Denn ich ließ meinen Mund nicht sündigen, daß er wünschte einen Fluch seiner Seele.

31:31Haben nicht die Männer in meiner Hütte müssen sagen: O wollte GOtt, daß wir von seinem Fleisch nicht gesättiget würden!

31:32Draußen mußte der Gast nicht bleiben, sondern meine Tür tat ich dem Wanderer auf.

31:33Hab ich meine Schalkheit wie ein Mensch gedeckt, daß ich heimlich meine Missetat verbärge?

31:34Hab ich mir grauen lassen vor der großen Menge, und hat die Verachtung der Freundschaften mich abgeschreckt? Ich blieb stille und ging nicht zur Tür aus.

31:35Wer gibt mir einen Verhörer, daß meine Begierde der Allmächtige erhöre, daß jemand ein Buch schriebe von meiner Sache?

31:36So wollt ich's auf meine Achseln nehmen und mir wie eine Krone umbinden.

31:37Ich wollte die Zahl meiner Gänge ansagen und wie ein Fürst wollte ich sie darbringen.

31:38Wird mein Land wider mich schreien und miteinander seine Furchen weinen;

31:39hab ich seine Früchte unbezahlt gegessen und das Leben der Ackerleute sauer gemacht,

31:40so wachsen mir Disteln für Weizen und Dornen für Gerste. Die Worte Hiobs haben ein Ende.



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