Die Bibel Martin Luther 1545

Das Buch Hiob (Author Hiob and/or Mose)

38:1Und der HErr antwortete Hiob aus einem Wetter und sprach:

38:2Wer ist der, der so fehlet in der Weisheit und redet so mit Unverstand?

38:3Gürte deine Lenden wie ein Mann; ich will dich fragen, lehre mich!

38:4Wo warest du, da ich die Erde gründete? Sage mir's, bist du so klug?

38:5Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat, oder wer über sie eine Richtschnur gezogen hat?

38:6Oder worauf stehen ihre Füße versenket? Oder wer hat ihr einen Eckstein gelegt,

38:7da mich die Morgensterne miteinander lobeten, und jauchzeten alle Kinder GOttes?

38:8Wer hat das Meer mit seinen Türen verschlossen, da es herausbrach wie aus Mutterleibe,

38:9da ich's mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte, wie in Windeln,

38:10da ich ihm den Lauf brach mit meinem Damm und setzte ihm Riegel und Tür

38:11und sprach: Bis hieher sollst du kommen und nicht weiter; hie sollen sich legen deine stolzen Wellen!?

38:12Hast du bei deiner Zeit dem Morgen geboten und der Morgenröte ihren Ort gezeiget,

38:13daß die Ecken der Erde gefasset und die Gottlosen herausgeschüttelt würden?

38:14Das Siegel wird sich wandeln wie Leimen, und sie stehen wie ein Kleid.

38:15Und den Gottlosen wird ihr Licht genommen werden; und der Arm der Hoffärtigen wird zerbrochen werden.

38:16Bist du in den Grund des Meers kommen und hast in den Fußtapfen der Tiefen gewandelt?

38:17Haben sich dir des Todes Tore je aufgetan? Oder hast du gesehen die Tore der Finsternis?

38:18Hast du vernommen, wie breit die Erde sei? Sage an, weißt du solches alles?

38:19Welches ist der Weg, da das Licht wohnet, und welches sei der Finsternis Stätte,

38:20daß du mögest abnehmen seine Grenze und merken den Pfad zu seinem Hause?

38:21Wußtest du, daß du zu der Zeit solltest geboren werden und wieviel deiner Tage sein würden?

38:22Bist du gewesen, da der Schnee herkommt, oder hast du gesehen, wo der Hagel herkommt,

38:23die ich habe verhalten bis auf die Zeit der Trübsal und auf den Tag des Streits und Kriegs?

38:24Durch welchen Weg teilet sich das Licht, und auffähret der Ostwind auf Erden?

38:25Wer hat dem Platzregen seinen Lauf ausgeteilet und den Weg dem Blitze und Donner,

38:26daß es regnet aufs Land, da niemand ist, in der Wüste, da kein Mensch ist,

38:27daß er füllet die Einöden und Wildnis und macht, daß Gras wächset?

38:28Wer ist des Regens Vater? Wer hat die Tropfen des Taues gezeuget?

38:29Aus wes Leibe ist das Eis gegangen? Und wer hat den Reif unter dem Himmel gezeuget,

38:30daß das Wasser verborgen wird wie unter Steinen und die Tiefe oben gestehet?

38:31Kannst du die Bande der sieben Sterne zusammenbinden, oder das Band des Orion auflösen?

38:32Kannst du den Morgenstern hervorbringen zu seiner Zeit, oder den Wagen am Himmel über seine Kinder führen?

38:33Weißt du, wie der Himmel zu regieren ist? Oder kannst du ihn meistern auf Erden?

38:34Kannst du deinen Donner in der Wolke hoch herführen? Oder wird dich die Menge des Wassers verdecken?

38:35Kannst du die Blitze auslassen, daß sie hinfahren und sprechen: Hie sind wir?

38:36Wer gibt die Weisheit ins Verborgene? Wer gibt verständige Gedanken?

38:37Wer ist so weise, der die Wolken erzählen könnte? Wer kann die Wasserschläuche am Himmel verstopfen,

38:38wenn der Staub begossen wird, daß er zuhaufe läuft und die Klöße aneinander kleben?

38:39Kannst du der Löwin ihren Raub zu jagen geben und die jungen Löwen sättigen,

38:40daß sie sich legen in ihre Stätte und ruhen in der Höhle, da sie lauern?

38:41Wer bereitet dem Raben die Speise, wenn seine Jungen zu GOtt rufen und fliegen irre, wenn sie nicht zu essen haben?

39:1Weißt du die Zeit, wann die Gemsen auf den Felsen gebären? Oder hast du gemerkt, wann die Hirsche schwanger gehen?

39:2Hast du erzählet ihre Monden, wann sie voll werden? Oder weißt du die Zeit, wann sie gebären?

39:3Sie beugen sich, wenn sie gebären, und reißen sich und lassen aus ihre Jungen.

39:4Ihre Jungen werden feist und mehren sich im Getreide; und gehen aus und kommen nicht wieder zu ihnen.

39:5Wer hat das Wild so frei lassen gehen? Wer hat die Bande des Wildes aufgelöset,

39:6dem ich das Feld zum Hause gegeben habe und die Wüste zur Wohnung?

39:7Es verlacht das Getümmel der Stadt; das Pochen des Treibers höret es nicht.

39:8Es schauet nach den Bergen, da seine Weide ist, und suchet, wo es grün ist.

39:9Meinest du, das Einhorn werde dir dienen und werde bleiben an deiner Krippe?

39:10Kannst du ihm dein Joch anknüpfen, die Furchen zu machen, daß es hinter dir brache in Gründen?

39:11Magst du dich auf es verlassen, daß es so stark ist, und wirst es dir lassen arbeiten?

39:12Magst du ihm trauen, daß es deinen Samen dir wiederbringe und in deine Scheune sammle?

39:13Die Federn des Pfauen sind schöner denn die Flügel und Federn des Storchs,

39:14der seine Eier auf der Erde lässet und läßt sie die heiße Erde ausbrüten.

39:15Er vergisset, daß sie möchten zertreten werden und ein wild Tier sie zerbreche.

39:16Er wird so hart gegen seine Jungen, als wären sie nicht sein, achtet es nicht, daß er umsonst arbeitet.

39:17Denn GOtt hat ihm die Weisheit genommen und hat ihm keinen Verstand mitgeteilet.

39:18Zu der Zeit, wenn er hoch fähret, erhöhet er sich und verlachet beide Roß und Mann.

39:19Kannst du dem Roß Kräfte geben, oder seinen Hals zieren mit seinem Geschrei?

39:20Kannst du es schrecken wie die Heuschrecken? Das ist Preis seiner Nase, was schrecklich ist.

39:21Es stampfet auf den Boden und ist freudig mit Kraft und zeucht aus den Geharnischten entgegen.

39:22Es spottet der Furcht und erschrickt nicht und fleucht vor dem Schwert nicht,

39:23wenngleich wider es klinget der Köcher und glänzet beide Spieß und Lanze.

39:24Es zittert und tobet und scharret in die Erde und achtet nicht der Trommeten Hall.

39:25Wenn die Trommete fast klinget, spricht es: Hui! und riecht den Streit von ferne, das Schreien der Fürsten und Jauchzen.

39:26Fleuget der Habicht durch deinen Verstand und breitet seine Flügel gegen Mittag?

39:27Fleuget der Adler auf deinen Befehl so hoch, daß er sein Nest in der Höhe macht?

39:28In Felsen wohnet er und bleibt auf den Klippen an Felsen und in festen Orten.

39:29Von dannen schauet er nach der Speise, und seine Augen sehen ferne.

39:30Seine Jungen saufen Blut; und wo ein Aas ist, da ist er.

40:1Und der HErr antwortete Hiob und sprach:

40:2Wer mit dem Allmächtigen hadern will, soll's ihm der nicht beibringen? Und wer GOtt tadelt, soll's der nicht verantworten?

40:3Hiob aber antwortete dem HErrn und sprach:

40:4Siehe, ich bin zu leichtfertig gewesen, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen.

40:5Ich habe einmal geredet, darum will ich nicht mehr antworten; hernach will ich's nicht mehr tun.

40:6Und der HErr antwortete Hiob aus einem Wetter und sprach:

40:7Gürte wie ein Mann deine Lenden; ich will dich fragen, lehre mich!

40:8Solltest du mein Urteil zunichte machen und mich verdammen, daß du gerecht seiest?

40:9Hast du einen Arm wie GOtt und kannst mit gleicher Stimme donnern, als er tut?

40:10Schmücke dich mit Pracht und erhebe dich; zeuch dich löblich und herrlich an!

40:11Streue aus den Zorn deines Grimms; schaue an die Hochmütigen, wo sie sind, und demütige sie.

40:12Ja, schaue die Hochmütigen, wo sie sind, und beuge sie und mache die Gottlosen dünne, wo sie sind.

40:13Verscharre sie miteinander in der Erde und versenke ihre Pracht ins Verborgene,

40:14so will ich dir auch bekennen, daß dir deine rechte Hand helfen kann.

40:15Siehe, der Behemoth, den ich neben dir gemacht habe, frißt Heu wie ein Ochse.

40:16Siehe, seine Kraft ist in seinen Lenden und sein Vermögen im Nabel seines Bauchs.

40:17Sein Schwanz strecket sich wie eine Zeder, die Adern seiner Scham starren wie ein Ast.

40:18Seine Knochen sind wie fest Erz, seine Gebeine sind wie eiserne Stäbe.

40:19Er ist der Anfang der Wege GOttes; der ihn gemacht hat, der greift ihn an mit seinem Schwert.

40:20Die Berge tragen ihm Kräuter, und alle wilden Tiere spielen daselbst.

40:21Er liegt gern im Schatten, im Rohr und im Schlamm verborgen.

40:22Das Gebüsch bedeckt ihn mit seinem Schatten, und die Bachweiden bedecken ihn.

40:23Siehe, er schluckt in sich den Strom und achtet es nicht groß; läßt sich dünken, er wolle den Jordan mit seinem Munde ausschöpfen.

40:24Noch fähet man ihn mit seinen eigenen Augen, und durch Fallstricke durchbohret man ihm seine Nase.

41:1Kannst du den Leviathan ziehen mit dem Hamen und seine Zunge mit einem Strick fassen?

41:2Kannst du ihm eine Angel in die Nase legen und mit einem Stachel ihm die Backen durchbohren?

41:3Meinest du, er werde dir viel Flehens machen oder dir heucheln?

41:4Meinest du, daß er einen Bund mit dir machen werde, daß du ihn immer zum Knecht habest?

41:5Kannst du mit ihm spielen wie mit einem Vogel, oder ihn deinen Dirnen binden?

41:6Meinest du, die Gesellschaften werden ihn zerschneiden, daß er unter die Kaufleute zerteilet wird?

41:7Kannst du das Netz füllen mit seiner Haut und die Fischreusen mit seinem Kopf?

41:8Wenn du deine Hand an ihn legst, so gedenke, daß ein Streit sei, den du nicht ausführen wirst.

41:9Siehe, seine Hoffnung wird ihm fehlen; und wenn er sein ansichtig wird, schwinget er sich dahin.

41:10Niemand ist so kühn, der ihn reizen darf; wer ist denn, der vor mir stehen könne?

41:11Wer hat mir was zuvor getan, daß ich's ihm vergelte? Es ist mein, was unter allen Himmeln ist.

41:12Dazu muß ich nun sagen, wie groß, wie mächtig und wohl geschaffen er ist.

41:13Wer kann ihm sein Kleid aufdecken? Und wer darf es wagen, ihm zwischen die Zähne zu greifen?

41:14Wer kann die Kinnbacken seines Antlitzes auftun? Schrecklich stehen seine Zähne umher.

41:15Seine stolzen Schuppen sind wie feste Schilde, fest und enge ineinander.

41:16Eine rührt an die andere, daß nicht ein Lüftlein dazwischengehet.

41:17Es hängt eine an der andern, und halten sich zusammen, daß sie sich nicht voneinander trennen.

41:18Sein Niesen glänzet wie ein Licht; seine Augen sind wie die Augenlider der Morgenröte.

41:19Aus seinem Munde fahren Fackeln, und feurige Funken schießen heraus.

41:20Aus seiner Nase gehet Rauch wie von heißen Töpfen und Kessel.

41:21Sein Odem ist wie lichte Lohe, und aus seinem Munde gehen Flammen.

41:22Er hat einen starken Hals; und ist seine Lust, wo er etwas verderbet.

41:23Die Gliedmaßen seines Fleisches hangen aneinander und halten hart an ihm, daß er nicht zerfallen kann.

41:24Sein Herz ist so hart wie ein Stein und so fest wie ein Stück vom untersten Mühlstein.

41:25Wenn er sich erhebt, so entsetzen sich die Starken; und wenn er daherbricht, so ist keine Gnade da.

41:26Wenn man zu ihm will mit dem Schwert, so regt er sich nicht; oder mit Spieß, Geschoß und Panzer.

41:27Er achtet Eisen wie Stroh und Erz wie faul Holz.

41:28Kein Pfeil wird ihn verjagen; die Schleudersteine sind wie Stoppeln.

41:29Den Hammer achtet er wie Stoppeln; er spottet der bebenden Lanze.

41:30Unter ihm liegen scharfe Steine und fährt über die scharfen Felsen wie über Kot.

41:31Er macht, daß das tiefe Meer siedet wie ein Topf, und rührt es ineinander, wie man eine Salbe menget.

41:32Nach ihm leuchtet der Weg, er macht die Tiefe ganz grau.

41:33Auf Erden ist ihm niemand zu gleichen; er ist gemacht ohne Furcht zu sein.

41:34Er verachtet alles, was hoch ist; er ist ein König über alle Stolzen.

42:1Und Hiob antwortete dem HErrn und sprach:

42:2ich erkenne, daß du alles vermagst, und kein Gedanke ist dir verborgen.

42:3Es ist ein unbesonnener Mann, der seinen Rat meinet zu verbergen. Darum bekenne ich, daß ich habe unweislich geredet, das mir zu hoch ist und nicht verstehe.

42:4So erhöre nun, laß mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!

42:5Ich habe dich mit den Ohren gehöret, und mein Auge siehet dich auch nun.

42:6Darum schuldige ich mich und tue Buße in Staub und Asche.

42:7Da nun der HErr diese Worte mit Hiob geredet hatte; sprach er zu Eliphas von Theman: Mein Zorn ist ergrimmet über dich und über deine zween Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

42:8So nehmet nun sieben Farren und sieben Widder und gehet hin zu meinem Knechte Hiob und opfert Brandopfer für euch und laßt meinen Knecht Hiob für euch bitten. Denn ihn will ich ansehen, daß ich euch nicht sehen lasse, wie ihr Torheit begangen habt; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

42:9Da gingen hin Eliphas von Theman, Bildad von Suah und Zophar von Naema und taten, wie der HErr ihnen gesagt hatte. Und der HErr sah an Hiob.

42:10Und der HErr wendete das Gefängnis Hiobs, da er bat für seine Freunde. Und der HErr gab Hiob zwiefältig so viel, als er gehabt hatte.

42:11Und es kamen zu ihm alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle, die ihn vorhin kannten, und aßen mit ihm in seinem Hause und kehreten sich zu ihm und trösteten ihn über allem Übel, das der HErr über ihn hatte kommen lassen. Und ein jeglicher gab ihm einen schönen Groschen und ein gülden Stirnband.

42:12Und der HErr segnete hernach Hiob mehr denn vorhin, daß er kriegte vierzehntausend Schafe und sechstausend Kamele und tausend Joch Rinder und tausend Esel.

42:13Und kriegte sieben Söhne und drei Töchter.

42:14Und hieß die erste Jemima, die andere Kezia und die dritte Keren-Hapuch.

42:15Und wurden nicht so schöne Weiber funden in allen Landen als die Töchter Hiobs. Und ihr Vater gab ihnen Erbteil unter ihren Brüdern.

42:16Und Hiob lebte nach diesem hundertundvierzig Jahre, daß er sah Kinder und Kindeskinder bis in das vierte Glied.

42:17Und Hiob starb alt und lebenssatt.



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